Tobias Trautmann

Vollmer Werke

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Zwischen Wettbewerbsdruck und Digitalisierung

Der Werkzeugmaschinenbau steht unter wachsendem Wettbewerbsdruck aus Asien, steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen und einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Tobias Trautmann, der zusammen mit Ralf Großhauser als Geschäftsführer die Vollmer Werke Maschinenfabrik leitet, erläutert im Interview mit dem IndustryArena eMagazine, wie sich das Unternehmen strategisch positioniert – von Hybridbearbeitung über Automatisierung bis hin zum Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Zudem fordert er faire Wettbewerbsbedingungen und eine konsequente Durchsetzung europäischer Normen.

Wie ist Ihr erstes Jahr an der Spitze von Vollmer verlaufen?


Trautmann: Es war ein anspruchsvolles Jahr. Neben dem intensiven Wettbewerb im Werkzeugmaschinenmarkt belasten geopolitische Spannungen und Zollfragen das Geschäft. Gleichzeitig drängen chinesische Anbieter verstärkt nach Europa. Das führt zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen. Maschinen aus Asien beispielsweise werden mit CE-Kennzeichnung angeboten, ohne dass die dahinterstehenden Sicherheits- und Normanforderungen in jedem Fall dem europäischen Rechtsrahmen entsprechen. Für europäische Hersteller verschärft das die Situation deutlich.

Wie bewerten Sie die Position der Schleiftechnik in Deutschland?

Trautmann: Die Hersteller aus dem deutschsprachigen Raum sind technologisch weiterhin gut aufgestellt. Allerdings wächst der Konkurrenzdruck aus China. Ein Beispiel sind Steuerungslösungen auf Basis einer Software, die von asiatischen Anbietern kopiert wird. Solche Softwarepakete machen 20 Prozent oder mehr des Maschinenpreises aus. Wenn diese Kosten faktisch entfallen, entsteht ein erheblicher Preisdruck – verbunden mit sicherheitstechnischen Risiken.

Welche technologischen Trends prägen die Branche?

Trautmann: Ein zentrales Thema ist die Kombination unterschiedlicher Bearbeitungstechnologien. Wir haben vor rund zehn Jahren mit der Entwicklung von Hybridmaschinen begonnen. Damals war der heutige Kostendruck bei Rohmaterialien noch nicht absehbar. Heute hat sich daraus ein Trend ergeben. Es stellt sich verstärkt die Frage, mit welchem Verfahren der Materialabtrag beginnt und wie die finale Geometrie erreicht wird.

Der Markt fordert eigentlich konträre Ziele. Er verlangt höhere Effizienz und kürzere Prozesszeiten bei zugleich steigenden Qualitätsanforderungen. Bei Rotationswerkzeugen bewegen wir uns im Bereich von zwei bis fünf Mikrometern Genauigkeit. In unseren Hybridlösungen erfolgt zunächst der Materialabtrag durch Erodieren, anschließend das präzise Finish durch Schleifen. So lassen sich Präzision und Oberflächenqualität gezielt kombinieren.

Laserbearbeitung von PKD-Werkzeugen: Minimaler Materialabtrag und lange Standzeiten ermöglichen neue Geometrien und höhere Produktivität.
KI unterstützt bei Zyklenprogrammierung, Analyse großer Datenmengen und Optimierung von Fertigungsprozessen.

Sind hybride Verfahren grundsätzlich effizienter?

Trautmann: Das hängt vom Anwendungsfall ab. Bei großvolumigem Materialabtrag bieten sie Vorteile. Parallel beobachten wir jedoch eine Verschiebung weg vom klassischen Schleifen, insbesondere bei schwer zerspanbaren Werkstoffen wie PKD. Hier gewinnt die Laserbearbeitung an Bedeutung. Da die Schneidplatten vorab zugeschnitten und aufgelötet werden, ist nur noch ein minimaler Abtrag erforderlich. Die Prozesse dauern länger, führen aber zu deutlich höheren Standzeiten der Werkzeuge.

Vollmer setzt stark auf Automatisierung. Wie ist der Stand der Entwicklung?

Trautmann: Automatisierung und Digitalisierung gehören zu unseren zentralen Entwicklungsfeldern. Viele Maschinen sind bereits im Markt installiert, insbesondere aus Zeiten hoher Nachfrage im Verbrennerumfeld. Heute verändern sich jedoch Materialeinsätze und Geometrien. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte, um alle Schichten zu besetzen.

Deshalb rüsten wir Bestandsmaschinen nach und statten Neuanlagen konsequent mit Automationszellen aus. Ziel ist eine möglichst mannlose Nutzung rund um die Uhr. Dabei geht es nicht nur um das Be- und Entladen von Werkstücken, sondern auch um periphere Tätigkeiten wie Kennzeichnung oder Handhabungsprozesse. Diese Aufgaben bündeln wir in integrierten Automationslösungen.

Automationszelle im Einsatz: Maschinen werden rund um die Uhr mannlos betrieben, um Effizienz und Ressourcennutzung zu steigern.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz?

Trautmann: Der regulatorische Druck in Europa steigt, zugleich fordern Kunden konkrete Nachweise. CO₂-Emissionen werden zunehmend pro Stunde oder pro Bauteil ausgewiesen. Auch wenn wir als Werkzeugmaschinenhersteller nicht allen Vorgaben direkt unterliegen, erwarten Kunden entsprechende Konzepte.

Wir arbeiten daher an effizienteren Kühlsystemen, optimieren Haupt- und Nebenzeiten und prüfen alternative Komponenten wie Plattenwärmetauscher. Ziel ist es, den CO₂-Fußabdruck der Maschinen im Betrieb zu reduzieren – auch wenn dies im Markt nicht immer durch höhere Preise honoriert wird.

Wie beeinflussen künstliche Intelligenz und Digitalisierung Ihre Entwicklung?

Trautmann: KI ist ein wesentlicher Baustein unserer Digitalstrategie. Wir entwickeln neben Mechanik und Elektrik auch eigene Softwareoberflächen und Steuerungen. In der Zyklenprogrammierung unterstützt KI bei iterativen Entwicklungsprozessen, etwa bei Code-Generierung oder Optimierungsschleifen. Die Verantwortung bleibt beim Entwickler, aber Rechenleistung und Routinetätigkeiten werden beschleunigt.

Auch in der Werkzeugprogrammierung, beim User Interface oder in internen Prozessen setzen wir KI ein. Systeme wie ChatGPT oder Copilot unterstützen Mitarbeitende bei Analyse, Dokumentation und Kommunikation.

Im Kundenservice analysiert KI große Datenmengen, um Fehler schneller zu identifizieren. Schulungsunterlagen werden für interaktive Anwendungen aufbereitet. Damit lassen sich Serviceleistungen trotz Fachkräftemangels effizienter bereitstellen.

Von welcher Form der KI sprechen wir konkret?

Trautmann: Neben Large-Language-Modellen nutzen wir spezialisierte KI-Anwendungen zur Analyse technischer Daten oder zur Erstellung von Schulungs- und Präsentationsmaterial. Die Dynamik ist hoch. Teilweise setzen wir KI ein, um geeignete KI-Modelle für bestimmte Aufgaben zu identifizieren. Für den Maschinenbau bedeutet das, technologische Entwicklungen kontinuierlich zu bewerten und Systeme regelmäßig anzupassen.

Welche Schwerpunkte setzt Vollmer während der GrindingHub?

Trautmann: Während der GrindingHub stellen wir Digitalisierung und Automatisierung in den Mittelpunkt. Dazu gehören Plattformen für Fehleranalyse und interaktives Lernen sowie eine neu entwickelte Automationszelle mit modularem Greifersystem.

Zudem präsentieren wir Weiterentwicklungen unserer Laser-, Schleif- und Hybridmaschinen. Neue Technologien reduzieren Nebenzeiten und erweitern die Möglichkeiten bei komplexen Geometrien. Wichtig ist uns die Integration in bestehende ERP-Systeme, um Prozesse ganzheitlich abzubilden.

Modulares Greifersystem: Flexibles Handling in der GrindingHub-Automationszelle reduziert Nebenzeiten und erhöht Maschinenlaufzeiten.

Wie blicken Sie auf die kommenden Jahre?

Trautmann: Der Wettbewerbsdruck bleibt hoch. Deutsche Maschinenbauer müssen Geschwindigkeit und Agilität erhöhen. Zugleich erwarten wir, dass CE-Vorgaben konsequent durchgesetzt werden. Ein fairer Wettbewerb setzt voraus, dass alle Marktteilnehmer die gleichen regulatorischen Anforderungen erfüllen.

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